Wie Sie Ihre Kollegen ansprechen, bleibt selbstverständlich Ihnen überlassen.
Es gibt jedoch ein paar Überlegungen, die Sie in Ihre Entscheidung einbeziehen können.
1. Stehen alle Kollegen auf einer Hierarchieebene und alle Kollegen kommen frisch aus der Ausbildung, dann ist ein Duzen zwangsläufig. In diesem Umfeld sind Sie jung und frei und ungezwungen und eine förmliche Anrede ist den Vorgesetzten vorbehalten.

2. Rücken Sie jedoch in der Hierarchie auf (und Achtung: auch in angeblich hierarchielosen Unternehmen gibt es eine Hierarchie, wenn auch ungeschrieben, aber deshalb um so gefährlicher), werden Ihre Befugnisse, Ihre Kompetenzen und Ihre Entscheidungen bedeutsamer und eventuell auch schmerzhafter für die Mitarbeiter und das Unternehmen. Ein „SIE“ schafft die dafür notwendige Distanz.

3. Sobald Sie in führender Position sind, werden Sie verständlicherweise von vielen beobachtet. Ihre Entscheidungen werden in der Teeküche (in der es interessanterweise immer nur Kaffee gibt, aber nie Tee) diskutiert, bewertet und unter die Lupe genommen. Wenn Sie sich mit einem Kollegen duzen, wird Ihnen schnell Vetternwirtschaft und Vorzugsbehandlung für den Freund unterstellt. Dass Sie sich mit diesem Kollegen duzen, weil Sie miteinander studiert haben und Sie ihn überhaupt nicht leiden können, spielt in der Gerüchteküche überhaupt keine Rolle.

4. Sobald Sie in führender Position sind, werden Sie eventuell auch einmal in die unschöne Situation kommen, jemanden kritisieren zu müssen. Ein distanziertes „Sie“ macht die Sachlichkeit der Kritik glaubwürdig, eine geduzte Kritik wirkt vorwurfsvoll anklagend, fast neidisch oder mißgünstig. Verschärft wird dieser Unterschied noch, wenn eine Chef-Frau einen Kollegen-Mann geduzt kritisiert. (die Reaktion des Mannes ähnelt dann der, als wenn eine Frau ihn beim Grillen kritisiert hätte). Dem allen können Sie leicht aus dem Weg gehen, wenn Sie Ihre Kollegen siezen.

5. Vermeiden Sie Verbrüderungsarien auf einem Betriebsfest. Verfallen Sie nicht dem Glauben, dass eine Führungskraft beliebter sei, je mehr sie sich mit Ihren Mitarbeitern auf eine Stufe stellt. Im Gegenteil, eine Führungskraft sollte durchaus etwas außerhalb stehen, um die notwendige Distanz und den Überblick zu wahren. Kompetente Entscheidungen, transparent moderiert und zielführend umgesetzt bringen ein Vielfaches an Beliebtheit im Vergleich zu einer geduzten Mitarbeitercrew.

Es ist nicht immer einfach, gut gemeinte „Du-Angebote“ abzulehnen ohne den anderen zu brüskieren. Ein offenes Gespräch hilft hier sehr, in dem man seine Beweggründe für das Siezen angibt.
Am aller einfachsten ist es natürlich, wenn Sie sich von Beginn Ihrer Führungsposition an mit niemandem duzen! Sie werden erleben, dass das der guten Stimmung in der Abteilung überhaupt keinen Abbruch tut.

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